• Mittwoch, 10. Oktober 2018
  • Jennifer Deigendesch

Zeugnisformulierungen und ihre Signale - Wie du die Zeilen richtig interpretierst

Gerade wenn du eine vielschichtige Frohnatur bist und viel ausprobierst, wirst du mit vielen verschiedenen Arbeitgebern konfrontiert sein. Und mit jedem Wechsel des Arbeitgebers setzt du dich bestenfalls mit einer ganz bestimmten Sache garantiert auseinander: mit Zeugnisformulierungen; einen Zettel der dich und deine Arbeitsleistung beurteilt. Doch dieses fast schon im Juristendeutsch formulierte Schreiben hat einige Merkmale, unter deren Beachtung es von dir (und auch von den künftigen Personaler) völlig anders zur Kenntnis genommen wird, als wenn es einfach nur gelesen wird.

Auf den ersten Blick lesen sich solche Zeugnisformulierungen immer positiv und zufriedenstellend.

Da es einen ersten Blick gibt, gibt es jedoch unausweichlich einen zweiten, einen dritten und einen vierten Blick. Und wenn du etwas tiefer hinsiehst, erkennst du, welche der Zeilen tatsächlich positiv und zufriedenstellend sind und wo man nicht (oder weniger) zufrieden mit deiner Leistung war.

Welche grundlegenden Merkmale haben Zeugnisformulierungen bzw. Dienstzeugnisse?

  • Sie klingen immer freundlich.
  • Sie sind wohlwollend und müssen natürlich wahrheitsgemäß sein,...
  • ..daher sind sie oft nicht direkt formuliert, sondern wie ein "heißer Brei".
  • Die Zeugnisformulierungen dürfen dich keineswegs in deinem zukünftigen Werdegang einschränken, was die Zeugnisformulierungen umso schwieriger macht.
  • In Zeugnisformulierungen wird oft in dritter Person von dir geschrieben.

Die Regeln der Zeugnisformulierungen

Regel 1: Zeugnisformulierungen klingen immer freundlich

Wenn du verschiedene Zeugnisse von verschiedenen Arbeitgebern vergleichst, dann fällt dir bestimmt der ein oder andere Unterschied in den Zeugnisformulierungen auf. Egal wie die Worte aber aneinandergereiht sind, freundlich sind sie immer, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: Ein Dienstzeugnis darf rechtlicher Sicht niemanden in seinem zukünftigen Berufsweg behindern. Je negativer die Formulierung also klingt, desto mehr verstößt dein Arbeitgeber gegen diese Regelung, denn - selbstverständlich - ziehen zukünftige Arbeitgeber Dienstzeugnisse als Referenz heran. Und obwohl sie freundlich formuliert sind, erkennen vor allem langjährige Personaler die ganze Wahrheit hinter den Zeugnisformulierungen.

Regel 2: Wohlwollen und Wahrheitsgehalt

Es gibt ganz gravierende Unterschiede in der Auffassung von Zeugnisformulierungen. Der Satz "... war stets bemüht und voller Bestreben" mag zwar zu einhundert Prozent wahr sein, doch wohlwollend und förderlich für die Zukunft ist diese Zeugnisformulierung eher nicht. Eine wohlwollende Formulierung, die von Zufriedenheit zeugt, könnte stattdessen wie folgt aussehen:

  • ...sein/ihr Bemühen und Bestreben war von Erfolg gekrönt. (Diese Zeugnisformulierungen zeigen, dass dein Engagement grundsätzlich immer Früchte trug, jedoch verbesserungsfähig gewesen wäre.)
  • ...sein/ihr Bemühen und Bestreben war stets von bemerkenswertem Erfolg gekrönt und förderte unseren Betrieb maßgeblich. (Deutet darauf hin, dass du dich in überdurchschnittlich hohem Maß für das Unternehmen eingesetzt hast und grundsätzlich bereit bist, mehr als nur das Erwartete zu leisten.)
Du siehst also: selbst wenn man von deiner Leistung eigentlich nicht oder nur mäßig beeindruckt war, wird diese Sachlage nicht genauso schriftlich festgehalten.

Regel 3: Die Zeugnisformulierungen dürfen dir nicht schaden und dich nicht behindern

Persönliche Beleidigungen, jede Form von Schlechtmachen und Negationen werden in Zeugnisformulierungen nie zu finden sein. Das hat den Grund, dass solche unsorgfältig gewählten und emotionsbehafteten Worte oft dazu führen, aus gewissen Tätigkeiten sofort auszuscheiden. Deshalb haben die Verfasser der Zeugnisformulierungen eine Art juristisches Arbeitgeberdeutsch entwickelt, um für den Arbeitnehmer freundlich wirkend alles zu äußern, was sie dem nächsten Arbeitgeber mitgeben möchten.
Händigt dir dein Arbeitgeber das Zeugnis aus, so solltest du eingehend auf einige Phrasen und deren tiefgründigere Bedeutung achten.

Wichtige Zeugnisformulierungen aus dem juristischen Arbeitgeberdeutsch

  • ...verfügt über Fachkompetenz und bringt diese selbstbewusst an den Kunden. (Diese Phase versteckt zum Beispiel den Mangel an notwendigem Fachwissen.)
  • ...ist ein anspruchsvoller und kritischer Mitarbeiter. (kann bedeuten, dass man gerne verbessert, nörgelt und nie mit der Leistung anderer oder den allgemeinen Umständen zufrieden ist.)
  • ...zeigte Verständnis für seine Arbeit. (Meint eine mangelnde Bereitschaft zur SOLL - Arbeitsleistung.)
  • ...ist tüchtig und besitzt die Fähigkeit, sich gut zu verkaufen. (beschreibt einen Selbstdarsteller mit der unzureichenden Bereitschaft zur Kooperation.)
  • ...ist ein umgänglicher Kollege. (Viele konnten einen nicht leiden.)
  • ...zeigte stets vorbildliches Verhalten.(Das Verhalten gegenüber Kollegen zeugte von sehr guter Führung.)
  • ...ein vorbildlicher Kollege. (Gute Führung des Code of Conduct.)
  • ...stets einwandfrei / einwandfrei. (vollauf befriedigende Führung / befriedigende Führung des Verhaltenskodex)
  • ...tadellos. (meint eine ausreichende Führung des Verhaltenskodex)
  • ...ist nichts Nachteil bringendes zu Ohren gekommen. (unzureichende Führung oder gar Missachtung des Code of Conduct)
  • ...zeigte ganz besonderes Einfühlungsvermögen in jegliche Belange der gesamten Kollegschaft. (Bestätigt, dass einem die Kollegen etwas Wert sind, und man sich ihnen mit einem aufmerksamen Ohr widmet.)
  • ...ist ein sehr geselliger Kollege. (neigt zum gesellschaftlichen Trinken.)
  • ...trat innerhalb und außerhalb des Betriebes für die Interessen der Kollegen ein. (weist auf gewerkschaftliche Tätigkeiten hin.)
Es gibt unzählig viele solcher und ähnlicher Zeugnisformulierungen. Wichtig ist bei der Durchsicht, nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen, sondern auch zwischen den Buchstaben.
Zusätzlich zu den Zeugnisformulierungen, die die Person beschreiben, ist ein solcher Schrieb auch von anderen Fakten geprägt. Beispielsweise findest du darin die Tätigkeiten, denen du innerhalb des Unternehmens nachgegangen bist; und natürlich, wie sorgfältig und zufriedenstellend du die einzelnen Aufgaben ausgeführt hast.



Allgemeine Bestandteile und Inhalte der Zeugnisformulierungen

Einige Möglichkeiten der Geheimcodes in den Zeugnisformulierungen hast du nun schon in einigen Beispielsätzen erkannt. Weitere Punkte, die du berücksichtigen solltest, sind unter anderem versteckte Kritik, das Hervorheben von eigentlich selbstverständlichen Details, Entwertungen und fehlende Informationen, obwohl diese vonnöten wären.

Das Ignorieren wichtiger Fakten in einer Zeugnisformulierung

Es gibt Dinge, die unbedingt in einer Zeugnisformulierung enthalten sein sollten. Dazu gehören natürlich die persönlichen Daten des Arbeitnehmers, aber auch die prägende Persönlichkeit, die Tätigkeiten, die er ausgeführt hat und vor allem wie und wie lange er sie ausgeführt hat. Das Fehlen von Inhalten, die für den nächsten Arbeitgeber von essenzieller Bedeutung sind, ist ein schweres Anzeichen dafür, dass nur äußerst mangelhafte und nicht zufriedenstellende Leistung erbracht wurde.
Gerne wird vor allem auf ein Engagement vergessen, bei dem man sich Wissen und Erfahrung für das Unternehmen angeeignet hat, dafür jedoch extern und in Eigeninitiative tätig war.
Ein kleiner Tipp: Oft verfassen die Dienstgeber die Zeugnisformulierungen in Anwesenheit der betroffenen Angestellten (wenn diese sie nicht sogar gleich selbst verfassen). Wenn du also siehst, dass der Chef einen wichtigen Fakt weglässt, dann kannst du ihn beruhigt darauf hinweisen, diesen doch zumindest zu erwähnen.

Entwertungen

Mit einer Entwertung ist in diesem Fall keine negative Darstellung deiner Leistungen gemeint, sondern die Erwähnung von völlig irrelevanten Dingen, die mit den Aufgaben eigentlich nur am Rande etwas zu tun haben. Dies dient lediglich dazu, Zeugnisformulierungen optisch auszuschmücken, wenn es ansonsten zu wenig Inhalt hätte und nur aus drei Zeilen bestünde. Denselben Effekt haben bewusst erwähnte und ausgeschmückte, selbstverständliche Details, wie zum Beispiel der perfekte optische Auftritt im Meeting mit hochrangigen Persönlichkeiten, oder das überaus geschickte Handling von Scheren bei der Ausübung des Friseurberufs.
Und was ist mit der versteckten Kritik?
Sie verstecken sich genau zwischen den lobenden Zeilen oder sind gar nicht vorhanden. Wenn man es wirklich ganz besonders streng nimmt, dann bedeutet das: Jede Tätigkeit und jedes Verhalten, das nicht erwähnt wird, wird indirekt bekrittelt.

Weitere Codes und Signale in einer Zeugnisformulierung

Achte auf die Anhäufung von Superlativen! Kommen diese oft vor, dann gelten selbst die wenigen Ausdrücke als negativ, die nicht mit Superlativen geschmückt sind.
Ein speziell hervorgehobenes Projekt, bei dem du "erfolgreiche Arbeit geleistet hast", zeigt zwar, dass du dieses eine Projekt gut gemeistert hast, bei allen anderen die Leistung jedoch zu wünschen übrig ließ.
Als genannte integrative und kommunikative Persönlichkeit ist gemeint, dass du vor lauter Reden oft nicht zum Arbeiten kommst und trödelst. Interesse und Begeisterung deinerseits zeigt zwar von Wohlwollen und Motivation zum Tun, bringt aber nicht zwangsläufig auch ein gutes Ergebnis.
Die Zeugnisformulierungen, sich für die Belegschaft einzusetzen, beschreiben oftmals einen sehr willensstarken Charakter und eine Persönlichkeit, die sich nicht alles auf der Stelle gefallen lassen. Ein nicht sofortiger Ja-Sager.
Wenn du etwas laut Zeugnisformulierungen im Rahmen deiner Fähigkeiten tust, dann werden deine Fähigkeiten als stark eingeschränkt und mangelhaft angesehen, und decken nicht die Erwartungen des Betriebes. Du bist nicht bereit, dir mehr Wissen anzueignen, als du schon hast.
Außerdem lässt ein lediglich ordnungsgemäßes Verhalten oder Arbeiten ein gewisses Maß an Faulheit vermuten.



Das Dienstzeugnis, Zeugnisformulierungen und die rechtliche Situation

Die Aushändigung und Zeugnisformulierung eines Arbeitszeugnisses sind in manchen Punkten sogar gesetzlich geregelt. So steht es dir zum Beispiel grundsätzlich zu, ein Dienstzeugnis zu erhalten. Wenn dein Arbeitgeber sich also weigert, dann kannst du deinen Anspruch auf das Zeugnis bei der Arbeiterkammer geltend machen.
Auch die Zeugnisformulierungen selbst haben sich an einen gewissen Rahmen zu halten; so zum Beispiel an jenen, der dir deine Zukunft nicht erschwert.
Was viele auch nicht wissen: Wenn dein letzter Arbeitgeber das Dienstzeugnis mit erheblicher Verspätung aushändigt und du dadurch eine Bewerbungsfrist versäumst, hast du gesetzlichen Anspruch auf Schadenersatz! Im Worst Case muss dann sogar dein (zeugnisausstellender) Arbeitgeber nachweisen, dass das fehlende Zeugnis keine Folgen mit sich brachte; er muss sich also mit deinem gewünschten Arbeitgeber in Verbindung setzen.
Das Zeugnis muss außerdem immer gebührenfrei ausgestellt werden! Immer wieder kommt es vor, dass Arbeitgeber die Aushändigung unrechtmäßig in Rechnung Stellen. Das ist zwar bei Zwischenzeugnissen gestattet, nicht jedoch bei Zeugnisformulierungen im Arbeitszeugnis nach Beendigung des Dienstverhältnisses.
Verpflichtende Bestandteile einer Zeugnisformulierung sind alle Inhalte eines einfachen Dienstzeugnisses; wahlweise kann er daraus ein qualifiziertes Dienstzeugnis entstehen lassen.
Sind die Zeugnisformulierungen in deinen Augen nicht wohlwollend verfasst und weigert sich dein Arbeitgeber zu einer Abänderung der Zeugnisformulierungen, kannst du den Sachverhalt beim Arbeits- oder auch beim Sozialgericht einklagen.